Editorial | Geteilte Geschichte, geraubte Erinnerung
Die
Rückgabe von geraubten Kulturgütern ist in den letzten Jahren zu einem
internationalen Politikum geworden. Immer mehr Staaten und Institutionen erheben
öffentlichkeitswirksam Forderungen danach. Nicht immer sind sie berechtigt,
wie im Falle der deutschen Bundesregierung, die von Russland vehement die Rückgabe
so genannter "Beutekunst" aus dem Zweiten Weltkrieg verlangt. Die Forderungen
ehemals kolonisierter Staaten sind aber in der Regel sehr legitim, etwa wenn Ägypten
von Deutschland die Rückgabe - oder zumindest Ausleihung - der Büste
der "bekanntesten Berlinerin", Nofretete, erwartet. Doch hier will Deutschland
wundersamer Weise nicht von Beutekunst reden. Anders handelte Italien, als es
2005 den Obelisken von Axum zurückgab, den die italienischen Faschisten 1937
nach der Niederkämpfung Abessiniens raubten. Er steht am Originalort im heutigen
Äthiopien kurz vor der Wiederaufrichtung. Freilich hatte es auch hier Jahrzehnte
gedauert, bis es nach unermüdlichen Forderungen auf der einen und Blockaden
auf der anderen Seite zu dieser historischen Gerechtigkeit kam.
Der Umgang
mit geraubten Kulturgütern - und noch mehr mit menschlichen Körperteilen
- ist auch auf lokaler Ebene bedeutsam. Beispiel Freiburg: Nicht anders als in
anderen deutschen Städten zeigt ein Blick in die Bestände der Museen
sowie anthropologischen Sammlungen, wie verwoben die Kulturgeschichte mit den
Überseegebieten und besonders den deutschen Kolonien ist. Kaufleute, Missionare,
Mediziner, Beamte und Soldaten sammelten, was das Zeug hielt, oft unter höchst
fragwürdigen Bedingungen. So beschreibt der bekannte Anatom und Rasseforscher
Eugen Fischer 1959 in seinem Band "Begegnungen mit Toten", wie er 1908
in Deutsch-Südwestafrika Gräber der Nama ausbuddelte, um die Schädelsammlung
der Freiburger Universität zu bestücken. Sein Motto: Das stört
hier doch niemanden.
Die Ursprünge dieser Schädelsammlung gehen
weit ins 19. Jahrhundert zurück, als im Jahre 1810 ein Afrikaner in Freiburg
an Tuberkulose starb und er sogleich vom amtierenden Anatomie-Professor skelettiert
wurde. Sein Schädel bildete u.a. zusammen mit so genannten "Chinesen-Schädeln"
den Grundstein der 1850 gegründeten Sammlung. Zum Ausbau steuerte 1878 der
Freiburger Friedrich Rosset eine Reihe Schädel aus dem Sudan bei. Er war
gerade zum Zivilgouverneur des von Ägypten eroberten Darfur ernannt worden.
An der Freiburger Schädelsammlung betrieben Generationen von Medizinern und
Anthropologen ihre Forschungen. Verliefen Anfragen von Aboriginal-Organisationen
an die Universität früher im Sande, so zeigt sich eine offene Haltung,
seit die Sammlung im Uni-Archiv lagert. An der Aufarbeitung der Sammlungsgeschichte
will das iz3w-Projekt www.freiburg-postkolonial.de künftig mitarbeiten.
Ein
Erfolg der bewussteren lokalen Geschichtspolitik war zu vermelden, als die Namibierin
Ellen Ndeshi Namhila am 13. Mai 2008 in Freiburg digitalisierte Dokumente aus
der deutschen Kolonialzeit überreicht bekam. Sie war als Vertreterin des
"Archivs des anti-kolonialen Widerstands- und Befreiungskampfes" (AACRLS)
hierher gereist. Bei den Dokumenten handelt es sich um einen Teil-Nachlass des
Kolonialoffiziers Kurd Schwabe aus den Jahren 1894 bis 1896. Dessen Schwiegertochter
hatte sie 1995 dem Freiburger Adelhausermuseum übergeben. Enthalten sind
unter anderem Brieffragmente des namibischen Nationalhelden Hendrik Witbooi. Die
an der Übergabe beteiligten Organisationen, neben dem Museum und dem namibischen
Nationalarchiv auch www.freiburg.postkolonial.de, das deutsche AACRLS-Komitee
und der Mopane-Fonds, streben nun die Überführung des gesamten Nachlasses
nach Namibia an.
Warum solche Rückgaben von so großer Bedeutung
sind, verdeutlichte Namhila gegenüber der Badischen Zeitung: "Wir in
Namibia haben zwar eine Vergangenheit, aber sie wurde uns geraubt. Vor dem Kolonialismus
gab es viele Aufzeichnungen, doch alles, was wir hatten, wurde zerstört.
Unsere Dörfer wurden niedergebrannt. Später während des Kolonialismus
konnten die afrikanischen Menschen nichts Eigenes schaffen. Sie lebten ausschließlich
unter der Kontrolle der Kolonialisten und waren keine Bürger mit Rechten.
Jetzt kämpfen wir darum, unsere Vergangenheit wieder zu finden." Dazu
forderte Namhila die deutsche Bevölkerung zur Mithilfe auf: "Während
des Kolonialismus waren mehr als 15.000 deutsche Offiziere und Soldaten in Namibia.
Von den meisten muss es Briefe, Tagebücher, Fotos geben. Ich appelliere an
alle, deren Familien solche Dokumente haben, sie uns zur Verfügung zu stellen.
Das würde uns helfen, das Puzzle unserer Vergangenheit zusammenzufügen.
Es geht uns nicht darum, zu richten. Es geht uns um unsere Geschichte."
Auf
geht's, ab in die Speicher, Keller und Archive!
die redaktion