Zu Gast bei Freunden | Die WM und das Bedrohungsszenario "Zwangsprostitution"
Von
Martina Schuster, Almut Sülzle und Agnieszka Zimowska
In Deutschland arbeiten derzeit schätzungsweise 400.000 Frauen und Männer
in der Prostitution. Davon sind ca. 60 Prozent Migrantinnen aus 35 verschiedenen
Ländern, die Hälfte von ihnen aus Mittel- und Osteuropa. Viele dieser
Arbeitsmigrantinnen wissen bereits bei der Ausreise um den Charakter ihrer künftigen
Arbeit. Da die Mehrzahl jedoch über keinen legalen Aufenthaltsstatus verfügt,
bleiben sie von rechtlichen, sozialen und medizinischen Strukturen ausgeschlossen.
Das BKA spricht 2004 von 845 Fällen von Menschenhandel, 2003 von 1108.
Ausgehend von den anfangs genannten Zahlen sind - bei aller Skepsis gegenüber
Statistiken - demnach ungefähr ein Prozent der Sexarbeiterinnen Opfer von
Menschenhandel.
Im Kontext der in Deutschland stattfindenden WM kursieren besorgte Hochrechnungen
über zu erwartende gesteigerte "Zwangsprostitution". Der deutsche
Frauenrat alarmierte unter Berufung auf die Frauenbeauftragte des Deutschen
Städtetags, Ulrike Hauffe, mit einer Prognose von mehr als 30.000 Frauen,
die zur WM eingeschleust werden sollen. Die taz zitierte trotz Skepsis die "bis
zu 40.000" aus dem britischen Guardian. Und die Frauenzeitschrift Emma
machte aus den mittlerweile vom Deutschen Städtetag dementierten "40.000"
zusätzlichen Sexarbeiterinnen gleich "Zwangsprostituierte". Seitdem
ist die Kampagne "Abpfiff - Schluss mit Zwangsprostitution" des deutschen
Frauenrates Topthema.
Insgesamt konzentrieren sich im Vorfeld der WM 21 von 22 Kampagnen zum Thema
Prostitution auf den Menschenhandel. Sie richten sich bundesweit an den Austragungsorten
der WM, aber auch in den Herkunftsländern mit Telefonhotlines und Aktionen
an Männer als potentielle Freier, sowie mit Beratungs- und Unterstützungsangeboten
an Prostituierte.
Um 1900 wundert sich die Anarchistin Emma Goldman darüber, dass der Menschenhandel
plötzlich in aller Munde sei, obwohl es keine neuen Erkenntnisse dazu gebe:
"Die Prostitution war und ist weit verbreitet; gleichzeitig jedoch geht
das Leben seinen gewohnten Gang, und niemand kümmert sich um das Elend
und die Not der Leidtragenden." 1
Politiker und Medien begegneten diesem Thema mit moralischer Entrüstung,
gleichzeitig fasziniere das Thema "Sex and Crime" die Öffentlichkeit.
Verschwiegen werde dagegen, dass sich viele Frauen für die Prostitution
entschieden, weil sie keine anderen Perspektiven hätten, um ihren Lebensunterhalt
zu bestreiten. Es seien die Gesetze und die gesellschaftliche Doppelmoral, die
Prostituierte illegalisierten und damit erst in Gewalt- und Abhängigkeitsverhältnisse
trieben.
Den medialen Diskurs im Jahre 2006 würde Emma Goldman sicherlich ähnlich
kommentieren. Die überwiegende Mehrzahl der Prostituierten entscheidet
sich auch heute bewusst für eine Tätigkeit im Sexgewerbe. Die Medienberichterstattung
zum Thema "Zwangsprostitution" vermittelt dagegen andere Botschaften.
Im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft sind "Zwangsprostitution"
und "Frauenhandel" dominante Themen. Hintergrundberichte über
getäuschte und verschleppte Frauen, insbesondere aus Osteuropa, Forderungen
nach einer Bestrafung ihrer Freier und Heldenberichte über Rettungsaktionen
von Opfern häufen sich. Eine schaurig lüsterne Mischung aus Sex, Gewalt,
Geld und Männlichkeit bildet den Mittelpunkt vieler Berichte.
Die Vermischung von Prostitutionsarbeit mit Menschenhandel brandmarkt Prostitution
als moralisch verwerflich, und all diejenigen, die aussehen, als hätten
sie keine deutsche Lohnsteuerkarte, erscheinen als mutmaßliche Opfer.
Den wirklichen Opfern von Entführung, Freiheitsberaubung oder Vergewaltigung
hilft diese mediale Aufregung jedoch nicht. Die Vermischung von Prostitution
und Menschenhandel zur "Zwangsprostitution" zieht weit reichende Folgen
nach sich, sowohl für die Arbeitsbedingungen von Sexarbeiterinnen 2
jeglicher Herkunft als auch für die Migrationspraxis von Frauen
aller Berufssparten - und das weit über die Fußball-Weltmeisterschaft
hinaus.
Paternalistische Kontrolle
Die fehlende diskursive Trennung zwischen Sexarbeit als einer Tätigkeit
zum Gelderwerb - nicht nur von Migrantinnen - und Menschenhandel zum Zwecke
sexueller Ausbeutung hat zur Folge, dass diese vor allem für Frauen gängige
Form von Migration tabuisiert und ihre AkteurInnen in ihren Rechten und in ihrer
Selbstbestimmung geschwächt bis entmündigt werden. In paternalistischer
Manier - "die Hure muss vor sich selbst geschützt werden" - werden
Migrantinnen, die sich bewusst für die Arbeit in der Sexindustrie entscheiden,
um so ihren Lebensunterhalt zu sichern, pauschalisierend zu Opfern krimineller
Strukturen gemacht. Diese Vermischung und Kriminalisierung wendet den Blick
weg von Ursachen weltweiter Migration wie ungerechter Verteilung von Wohlstand
und vielfältigen Diskriminierungen.
Migration und in ähnlichem Maße auch Prostitution werden im staatlichen
Diskurs zur Bedrohung von Sicherheit - und verlangen somit nach Kontrolle. Insofern
kann auch Migration in Verknüpfung mit Sexarbeit als Autonomiebestrebung
gegenüber Kontrollinstanzen betrachtet werden. Jedoch birgt die Arbeit
in der Prostitution jenseits legaler Wege die Gefahr, in Ausbeutungsstrukturen
und Abhängigkeiten zu gelangen.
Mit der Umdeutung migrantischer Prostitution in Menschenhandel lenkt der Staat
von seiner Rolle bei der Entstehung von Ausbeutungsverhältnissen ab. Denn
im vermeintlichen Kampf gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution weitet er
Kontrollbefugnisse deutscher und europäischer Polizei- und Grenzbehörden
aus, erleichtert und legitimiert Razzien und Abschiebungen und verstärkt
Einreisekontrollen. Der EU-Justizkommissar Franco Frattini möchte nun mit
Visaverschärfungen im Kontext der WM "Zwangsprostitution" verhindern.
Die EU-Ratsvorsitzende Liese Prokop will Visa-Daten nutzen, um die Anreise aller
Frauen aus ausgewählten Herkunftsländern zu kontrollieren, weil sie
bei Großereignissen möglicherweise zur Prostitution gezwungen werden
könnten.
Aber: die Stigmatisierung und Kriminalisierung migrantischer Sexarbeiterinnen
erschwert deren Eintreten für Migrationsrechte und beschneidet ihre Möglichkeiten,
juristisch gegen gewalttätige Angriffe vorzugehen. Die Illegalisierung
migrantischer Sexarbeit verschärft also einen ohnehin gewaltanfälligen
Bereich und dient darüber hinaus der Abschottung gegenüber allen MigrantInnen.
Deutsche Behörden subsumieren unter dem Begriff "Menschenhandel"
sowohl Frauen, die (illegale) Migrationshilfen in Anspruch nehmen, um in Deutschland
als Prostituierte zu arbeiten, als auch Frauen, die gegen ihren Willen nach
Deutschland gebracht und zur Prostitution gezwungen werden. Maßnahmen,
die auf die spezifische Situation der einzelnen Frau zugeschnitten sind, können
so nicht getroffen werden. Um eine selbst bestimmte Zukunftsperspektive zu entwickeln,
brauchen von Menschenhandel betroffene Frauen einen gesicherten Aufenthaltsstatus,
soziale und finanzielle Unterstützung sowie psychische (wie z.B. Traumatherapie)
und physische Rehabilitationsangebote. Sexarbeiterinnen, die selbstgewählte
Migrationswege gehen, um nach Deutschland zu kommen, brauchen vor allem eine
Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis, sowie Unterstützung in ihrer Professionalisierung
z.B. im Steuerrecht. Die Vereinheitlichung als Opfer dagegen blendet die Realität
vieler Frauen aus und erschwert ein Eintreten für ihre Rechte und Bedürfnisse.
Anerkennung statt Kriminalisierung
Auch für die Sexindustrie hat die Vermischung von Menschenhandel und Prostitution
weit reichende Folgen. Jahre lange Bemühungen der Hurenbewegung um die
Gleichstellung von Prostitution mit anderen Erwerbstätigkeiten werden zunichte
gemacht. Wer derzeit an Prostitution denkt, verbindet sie meist mit Zwang, Gewalt
oder Ausbeutung. Die Hurenorganisationen kritisieren, dass bereits die Bezeichnung
"Zwangsprostitution" diese Klischees bediene. Es würde ja auch
niemand auf die Idee kommen von Zwangs-Aupairerei oder Zwangsmaurerei zu sprechen.
Als weitere Folge des derzeitigen Diskurses ist eine schleichende Entsolidarisierung
deutscher mit ausländischen Prostituierten zu beobachten. Deutsche Sexarbeiterinnen
führen oftmals die verstärkten Polizeikontrollen im Milieu auf die
Anwesenheit von Migrantinnen zurück. Daneben machen sie Migrantinnen für
eine Verwässerung von Standards (zum Beispiel der Kondombenutzung) verantwortlich.
Während die Viktimisierung der Frauen deren Handlungsmöglichkeiten
einschränkt, wird an die Verantwortlichkeit der Freier appelliert. Sie
sollen helfen, die Opfer von Menschenhandel zu lokalisieren und als Zeugen zu
gewinnen. Gleichzeitig werden immer häufiger Forderungen laut, Freier von
"Zwangsprostituierten" zu bestrafen. Erfahrungen aus Schweden haben
allerdings gezeigt, dass eine Bestrafung von Freiern zu einer Verlagerung der
Prostitution in die Illegalität führt und Gewalt und Abhängigkeit
dadurch zunehmen. ExpertInnen bezweifeln zudem, dass Freier tatsächlich
in der Lage sind, Opfer zu identifizieren. Sinnvoller sei es, die Prostitutionskunden
zu motivieren, sich mit ihrem Freier-Sein auseinander zu setzen und sich selbst
als Geschäftspartner von Prostituierten zu begreifen.
Die aktuelle Diskussion zeichnet für die Weltmeisterschaft das Bild eines
Ausnahmezustands wilder Männlichkeit, einer Ansammlung zigtausender Freier
in Deutschlands Städten. Das Bild der Fußballfans als gewalttätige
und gefährliche Männerhorde steht dem staatlich verordneten Diktat
der (Männer-)Gastfreundschaft unter dem Motto "zu Gast bei Freunden"
unversöhnlich gegenüber. Mit der Realität haben wohl beide Vorstellungen
wenig gemein. Wie bei Messen, Sportveranstaltungen und anderen Großereignissen,
die männliche Gäste in die Stadt bringen, wird die Nachfrage nach
sexuellen Dienstleistungen auch während der Weltmeisterschaft ansteigen.
Die Soziologin Christiane Howe, die seit zehn Jahren Lobbyarbeit für Prostituierte
macht, hat jedoch im direkten Umfeld der Spiele Abstinenz beobachtet: "Vor,
während und nach den Fußballspielen ist in den Bordellen tote Hose".
Zum Teil, weil viele Fans in gemischtgeschlechtlichen Gruppen unterwegs sind,
zum Teil, weil sie gemeinsam feiern und dabei viel Alkohol im Spiel ist. Nüchtern
betrachtet geht es hier wohl eher um eine maßlose Überschätzung
des wirtschaftlichen Potenzials der Weltmeisterschaftstouristen.
Wenn über Prostitution und Gewaltverhältnisse in der Prostitution
gesprochen und geschrieben wird, fehlt zumeist eine Sichtweise gänzlich:
die der Sexarbeiterinnen. Niemand fragt nach ihren Vorstellungen und selbst
bestimmten Zukunftsperspektiven innerhalb und außerhalb der Prostitution.
Auch nach hundert Jahren klingt Emma Goldmans abschließende Forderung
so richtig wie aufrührerisch: "Nur eine aufgeklärte Öffentlichkeit,
die sich frei gemacht hat von der gesetzlichen und moralischen Verfolgung der
Prostituierten, kann einen Beitrag leisten zur Verbesserung der gegenwärtigen
Zustände". Statt Medienkampagnen und verschärfte Grenzkontrollen
zu fordern wäre ein Aufenthaltsrecht für Prostituierte während
der WM ein Anfang, um Abhängigkeitsverhältnisse zu entkräften.
Links:
Sexarbeit: (in der Migration):
www.amnestyforwomen.de
www.hydra-ev.org
www.madonna-ev.de, www.busd.de.
Menschenhandel:
www.kok-potsdam.de www.ban-ying.de
www.abpfiff-zwangsprostitution.de
Freier:
www.freiersein.de
Anmerkungen:
1 Emma Goldman: Das Tragische an der Emanzipation der Frau. Berlin 1987, S.47-48.
Zitat gekürzt.
2 Der Begriff Sexarbeit umfasst alle Arten sexueller Dienstleistungen. Er soll
die bewusste Wahl der Tätigkeit und eine selbstbewusste Eigendefinition
der ProtagonistInnen ausdrücken.
Martina Schuster ist Autorin des Buches "Kampf um Respekt. Eine
ethnographische Studie über Sexarbeiterinnen. Tübingen 2003".
Sie arbeitet bei service e.V. - Sex Workers Rights International. Almut Sülzle
forscht über Fußballfans und Männlichkeit und promoviert in
Europäischer Ethnologie in Marburg. Agnieszka Zimowska promoviert
ebenfalls in Europäischer Ethnologie zu Arbeits- und Selbstverständnissen
osteuropäischer Migrantinnen, die der Sexarbeit in Deutschland nachgehen.