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Filmbesprechungen

Survive Berlin

I don´t want sunshine holidays …

Der Film ´Survive Berlin´ verlegt die Suche nach dem Exotischen in die Punkszene der westlichen Metropole

Mit einer schwungvollen Geste dreht sich Sato in seinem Bürostuhl herum. Triumphierend reckt er die Arme in die Höhe, als feiere er den gelungenen Geschäftsabschluss mit einem Großkunden. Doch weit gefehlt. Grund für seine Begeisterung ist allein die soeben bestätigte erfolgreiche online-Buchung, die dem bieder-smarten Jungangestellten einen Nervenkitzel der besonderen Art verspricht: Eine Woche `Punk Action´ pur in Berlin für schlappe 2.999 $. ´Authentic locations, Cool People´ inbegriffen. Kein Wunder, dass der unbedarfte Yuppie, der Prospekte mit Punkmode ängstlich vor seinem Chef verbirgt, schon im Vorfeld der Reise Adrenalin ausstößt. Und so rasant und schrill wie in den hektisch zusammengeschnipselten Reklamefilmchen des Veranstalters Underground Holidays soll es auch weitergehen. Statt per Begrüßungscocktail am Hotelpool empfängt die grotesk überdrehte ´Punk Guide´ die Reisegruppe mit klischeehaft reduzierten Versatzstücken aus der Konkursmasse des 25. Punkrevivals, natürlich zum Eigengebrauch. Schnell ein paar rebellische Posen eingeübt, die Stylistin legt einmal Hand an, Lederjacke drüber und schon geht es zum Schnorren an den Alexanderplatz.

 

 

Fast wäre man neugierig, womit Underground Holidays, nach eigener Auskunft ein seriöses Eventunternehmen, den Rest der Woche gefüllt hätte. Doch dann kommt der Kulturfernreisende vom Kurs ab. Gerade als sich ob des Ausbleibens der versprochenen Action Ernüchterung einstellt, trifft er zwischen Dunkelheit und kaltem Beton auf ein richtiges Punkmädchen, und kein uncharmantes dazu. Von der Konstellation her ein Kulturschock allererster Güteklasse: keine Townshiptour hätte den Gegensatz besser auf den Punkt bringen können als die kurze Begrüßung "Are you from Underground Holidays?"- "Hä? Wat meenste?"


Sato, der in seiner freundlichen Verlorenheit an das - ebenfalls japanische - Rock´n´Roll- Touristenpärchen aus Jim Jarmuschs ´Mystery Train´ erinnert, steht mit den (sub)kulturellen Codes des exotischen Stammes natürlich auf Kriegsfuß. Also bietet er Flora erst mal einen Kaugummi an - und dann einen größeren Geldschein, um eine Stärkung für die bevorstehende Nacht zu besorgen. Doch wie das so ist, kaum kommen die Finanzen ins Spiel, kann die schöne Einheimische natürlich nicht aus ihrer Haut. Sie macht sich aus dem Staub und schmeisst eine große Runde Dosenbier für ihre indigene Altersgruppe, doch dann platzt der unfreiwillige Spender jäh in deren ritualisiertes Rumstehen um eine brennende Mülltonne. Dort eskaliert die Situation zusehends, als Sato die angebotene traditionelle Hülse mit den Worten ablehnt: "I don´t want beer. I want punk action!". Zu allem Überfluss ist Floras Freund nicht nur ein eifersüchtiger Macker, sondern weiss zufällig auch, dass der fremde Möchtegernpunk ein 5-Sterne-Hotel bewohnt. Ohne seine Lederjacke, dafür mit geschwollener Visage, wird Sato von einem Touristenbus aus dem Asphaltdschungel gerettet, der zufällig das selbe Hotel ansteuert. Erst dort stellt sich heraus, dass er zur Konkurrenz an Bord gestiegen ist: Die zerlumpten Insassen haben ihr letztes Abenteuer mit ´Homeless Holidays´ gebucht.

Mit großer Liebe zum Detail persiflieren Thomas Keller und Philipp Jansen in gut 15 Minuten stereotype touristische Situationen und Missverständnisse, die sich aus der vermeintlichen kulturellen Andersartigkeit ergeben. Gerade gegen den Bezugsrahmen metropolitaner Subkultur zeichnen sich diese Elemente umso deutlicher ab. Die Inszenierung des urbanen Abenteuerurlaubs kommt dabei ganz im poppig frischen Stil von Lonely Planet, gut gelaunten Tour-Operators und anderen Apologeten des Alternativreisens daher. Auch Underground Holidays hat sich jenseits der ausgelatschten Pfade dem Motto Authentizität statt Plastikurlaub verschrieben und propagiert das individuelle Erleben in Abgrenzung zur Massenabfertigung. Dass sich dennoch und gerade eine frappierende Menge an Entsprechungen ergeben, ist kein Geheimnis. Die Parallelen werden dem Publikum von ´Survive Berlin´ jedoch sehr anschaulich und zudem eher satirisch denn moralisierend vor Augen geführt. So bleibt die Stadt stets bloße Kulisse, festgehalten in einer stimmungsvollen Zeitraffereinstellung, die den Nachmittag zur Nacht werden lässt. Der Protagonist erlebt die Enttäuschung seiner hoch trabenden touristischen Erwartungen, die schrillen Farben aus dem Prospekt lösen sich auf im tristen Betonnebel. Auch wenn Sato keineswegs ein Neckermann in Kenia oder auf Jamaika ist, erinnern die hier dargestellten interkulturellen Begegnungen dennoch an die eines Bermudabierbauchs mit dem Massai in voller Montur. Bezeichnenderweise wird es genau dann tatsächlich gefährlich, als er die endliche gefundene Exotik mit seiner Digitalkamera festzuhalten versucht. Und was soll er, in dieser Rolle, auch anderes sagen, als er nach seinem verstörenden Erlebnis den Anruf eines Freundes auf dem Mobiltelefon empfängt, als: "Klar hab ich Spaß. Die Leute sind nett. Wir fahren zurück zum Hotel."

von Tobias Müller, Freiburg

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Jeder Urlaub ist ein Kampf

Satirischer Einblick in kulturelle Verirrungen

Der Alltag von Sato (Hiroka Mano), einem jungen japanischen Büroangestellten, besteht aus Excel-Tabellen, geschäftlichen Emails und regelmäßigen Anweisungen seines Chefs. Aus seinem winzigen Büro gibt es nur einem Fluchtweg: Urlaub. Doch Sato, das verstehen wir gut, ist nicht das erste Mal an diesem Punkt. Einfach nur am Strand liegen, ein einfacher Tourist sein, das hat er schon zu oft gehabt, das ist ihm zu langweilig. Beim Surfen im Internet stößt er auf ein Angebot, das seine Gedanken zum Ausdruck bringt: "Erlebe das echte Berlin, tauche hinab in den Untergrund der Berliner Punk-Kultur und überlebe: Survive Berlin." Das Pauschal-Angebot für 3000 Dollar beinhaltet Flug und Unterkunft im Grand Hotel sowie authentischen Berliner Punk als Tages- und Nachtprogramm. Sato ist hingerissen und bucht.

Die Kurzfilm-Satire "Survive Berlin" von Thomas Keller und Phillip Jansen erzählt von falschen Versprechungen der Freizeit-Industrie und von dem Kampf des Touristen, der ihr ausgeliefert ist. Während wir von Zeit zu Zeit das Außergewöhnliche begehren, suchen wir nach der helfenden Hand, die unsere Angst vor dem Neuen beruhigt. Die Folge ist, dass alles, was als echt angeboten wird, eine Fassade voller Sicherheitsmaßnahmen ist, die eine Begegnung mit dem Außergewöhnlichen tatsächlich verhindern soll. So kommt es, dass wir von unseren Reisen immer am liebsten die Unfälle und Zufälle berichten, die Situationen, in denen die Kontrolle versagt und das Unplanbare beginnt. Damit wird die Tourismusindustrie zum geliebten Feind des Touristen, der die Erfahrung, nach der er eigentlich sucht, nur gegen sie und durch ihr Scheitern erleben kann.

Satos Glück ist die semi-professionelle Organisation von "Underground Holidays", eines treffend charakterisierten Berliner Unternehmens, das sich in der Berlin so eigenen laienhaften Manier an einer dieser großartigen Ideen versucht, Geld mit dem Ruf der Stadt zu machen. Die Idee einer Metropole des Punk wird um einige global verfügbare Klischees über die Stadt bereichert. Satos Reisegruppe, die aus einem bayrischen Ehepaar und zwei Hip-Girls aus Kalifornien besteht, umreißt die Weite, in der dieses Klischee global verstanden wird. Ja, wie oft sind solche Ideen wohl diskutiert worden im Berlin der Nach-Wende Zeit. Dabei ist "Underground Holidays" als ein für den Zuschauer auf den ersten Blick typisches, oberflächliches und auf Profit ausgerichtetes Tourismusunternehmen erkennbar, in dem die Vermarktung kultureller Klischees ohne viel Verständnis oder Mühe ums Detail betrieben wird. Und auch um die angebliche Sicherheit, die dem Reisenden bei seinem Abenteuer versprochen wird, ist es bei "Underground Holidays" nicht weit her.

Der Plan für den Abenteuer-Urlaub wird durch die beängstigend realistische Reiseleiterin Heike (Franca Berlin) herrisch vor der Reisegruppe präsentiert: Nach einem Crash-Kurs in deutschem Punk Jargon stattet sie Sato mit dem punkigen Style aus, die sein unbemerktes Eintauchen in die fremde Welt ermöglichen soll. Dann wird Sato losgeschickt: Schnorren am Alex...."Wenn du Punk bist, hast du kein Geld, also gehst du zum Alex und holst es dir vom Spießer," lautet ihre einfache Erklärung.

Sato liebt es... am Anfang. Er sitzt und bekommt einen Euro oder zwei, ein Fotograf kommt vorbei und fragt ihn, ob er Fotos von ihm machen kann. Erst nach einigen Sekunden wird klar, dass auch der Fotograf zur Firma gehört.

Doch die Zeit vergeht langsam beim Schnorren und während es Nacht wird in Berlin, taucht plötzlich in der Ferne ein leuchtendes Werbeplakat auf: ein tropischer Strand in warmen Farben. Sato beginnt sich zu fragen, ob er die richtige Wahl getroffen hat. Ihm ist langweilig, das schlimmste aller Gefühle, die der Reisende haben kann.

Die Tatsache, dass seine Reiseleitung ihn auf dem Alex vergessen hat, eröffnet indes die Chance für das eigentliche Abenteuer, das Ungeplante. Sato trifft auf Flora (Jana Pallaske), ein echtes Berliner Punk-Mädchen, und sein Begehren nach exotischer Schönheit und Abenteuer scheinen sich endlich zu erfüllen. Natürlich glaubt er zunächst, dass sie Teil der Organisation der Reise ist. Und auch ihre Freunde, mit denen er durch sie in Kontakt kommt, sind für ihn nur Kulisse. Die Punks, insbesondere Ratte (Lennie Burmeister), der Freund Floras, sind nicht begeistert von diesem seltsamen Mode-Punk, der grade noch schnorrte und doch alle zu einer Kiste Sternburger Pils einladen kann. Und plötzlich auch noch Fotos mit der teuren Kamera machen will. Wo Sato gerade noch nach Punk-Action rief, explodiert plötzlich die Spannung zwischen Fremden und Einheimischen. Es kommt zum Kampf. Sato verliert und steht nach der Niederlage gegen die echten Punks von allen Hüllen befreit, schutzlos und fremd in der Stadt. Von diesem Punkt aus allerdings ist er nun das erste Mal seit dem Beginn der Reise in der Lage, die Situation, in der sich befindet, realistisch einzuschätzen. Während die meisten Touristen vermutlich schlicht das Reise-Unternehmen verklagen würden, entwickelt Sato einen eigenen Plan für seine Rache an der Tourismus-Industrie. Er gewinnt, und mit ihm, sehr zur Freude des Zuschauers, ein Konsument, der zum handelnden Akteur geworden ist.

Der Film "Survive Berlin" bietet einen kurzweiligen Einblick in die kulturellen Verirrungen, die der internationale Tourismus am laufenden Band produziert. Für den deutschen Zuschauer, der die touristische Erfahrung meist als Reisender aber nicht als Bereister macht, eröffnet sich eine Perspektive auf die Last, als die Touristen empfunden werden, wenn sie in bester Absicht nichts weiter wollen als einen echten Einblick in eine fremde Welt - und sich dabei hinter teuren Kameras und Reiseführern verstecken.

von Fabian Frenzel, Berlin

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FernWeh
November 2005

 

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